Sind Sie engagiert? Für irgendetwas? Die Umwelt, gegen den Klimawandel oder für mehr Lohngerechtigkeit?

Auch ohne Klebstoffhersteller nachhaltig durch exzessiven Gebrauch desselben auf Berliner Straßen unterstützen zu wollen: Sich für ein gutes Ziel einzusetzen – ohne dabei Menschen oder Gegenstände zu schädigen – ist ein gutes Ziel. Nicht zuletzt sind die Ehrenamtlichen des Kirchenfoyers ein Beispiel dafür, wie viel Gutes durch einen ganz persönlichen Einsatz bewirkt werden kann. Und so gilt zu Recht, dass man nicht nur um sich selbst kreisen sollte: Keine wichtige Bewerbung, in der es heute nicht gefragt wäre, ehrenamtliches Engagement zu nennen: Der Bewerber, die Bewerberin zeigt so schließlich gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein und guten Charakter.

Doch sagen Engagement oder Ämter etwas über den Charakter aus? Spätestens nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in den Kirchen können wir nur ernüchtert feststellen: Nein, im tiefsten Kern tun sie es nicht! Unsere Gesellschaft ist desillusioniert, wenn diejenigen, die für die Repräsentanz des Heiligen stehen, selbst Unheil getan, geduldet oder verheimlicht haben, wenn sie hintergangen haben, wofür ihre Ämter stehen: Heil zu schaffen, und nicht Unheil.

Fassungslos stehen wir vor dem inneren Bruch, den das Handeln der betroffenen Amtsträger zeichnet: Menschen, die nach außen nur das Beste gesprochen und behauptet haben und im Schatten, im Verschweigen, in Taten all das konterkariert und verraten haben, wofür sie nach außen stehen.

Wir können hinter dieses Wissen keinen Schritt zurück gehen, denn die Kirche VOR dem Missbrauch existiert nicht, gegenwärtig ist nur die Kirche NACH dem Erkennen und Bekanntwerden von Missbrauch. Dies bedeutet eine Verpflichtung für uns als Gemeinschaft der Gläubigen: Wer Heil schaffen will, muss immer zunächst bei sich selbst anfangen. Nach außen die besten Werke zu wirken, genügt nicht, so lange wir nicht unseren Blick auf unsere eigenen Schatten, unsere eigenen Brüche, unser eigenes Dulden, Erdulden, Verschweigen und unser eigenes Handeln gelegt haben. Heil kann nur entstehen, wenn wir selbst in uns ,heil’ werden, und unsere eigenen inneren Brüche, unsere eigenen Widersprüchlichkeiten, kein brüchiges Handeln mehr schaffen und Schaden anrichten. Ein solcher Schaden beginnt nicht erst mit kriminellem Missbrauch: Es kann auch bedeuten, dass das Verdrängte in uns in Beziehungen, in unseren Familien, in unseren Berufen, in unseren Ämtern negative Auswirkungen findet, so Leid verursacht und fortsetzt.

Heil zu schaffen, nicht Unheil – das ist die Aufgabe des Christentums. Und es ist nicht nur die Aufgabe von Repräsentanten, es ist unser aller Aufgabe.

Lasst uns also heute damit anfangen und in den Spiegel schauen: Wo liegt Dein Schmerz, Dein Bruch, Deine Verdrängung – wo bist Du nicht das, was Du behauptest, zu sein? Wo schmerzt Dich diese Diskrepanz – und warum suchst Du nicht die Hilfe, die Du brauchst, um das zu ändern?

Sei engagiert – fang bei Dir an!

Christiane Kuropka

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