Wort zum November

Warum gibt es das Leid in der Welt? Vielen Menschen bohrt dieses Rätsel des Lebens irgendwann in der Seele. Und die Antwort ist schwierig, im Grunde nicht zu geben: „Laß die frommen Hypothesen –  Suche die verdammten Fragen/ Ohne Umschweif uns zu lösen“ ! wettert schließlich der  Dichter Heinrich Heine in seinem Gedicht „Zum Lazarus“ und spricht damit vielen aus Herzensgrund. Warum diese Schmerzen, diese Ungerechtigkeit, dieses ganze vollkommen sinnlose, unerklärliche Leiden? In besonderer Weise trifft uns diese Frage im Angesicht des Todes. Er kann so ungerecht sein: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum jemand in jungen Jahren einen tödlichen Unfall haben sollte. Es gibt keinen vernünftigen Grund für den Tod eines Kindes. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Paare, Familien, Freunde, auseinandergerissen werden sollten. Es ist nichts schön zu reden. Hilfe bietet in solchen Momenten oft nicht mehr die Sprache mit ihren Floskeln, sondern nur noch das liebende Füreinander-Dasein: Den anderen in seiner Trauer faktisch nicht allein zu lassen, auch, wenn es schwer ist, gemeinsam zu schweigen.

Liebe kann, und das in ihren vielen Facetten – der Bekanntschaft, der Freundschaft, der echten Kollegialität, der Paarbeziehung usw. – eine Brücke sein. Die Liebe lässt uns oft mehr spüren und mehr sehen, als wir eigentlich wissen können. Wenn uns eine tiefe Zuneigung verbindet, ahnen wir oft schon bevor etwas ausgesprochen wurde, manchmal sogar über Entfernung, wie es dem anderen gerade geht.

Deswegen will ich heute die alte fromme Hypothese wagen: Weder der Tod noch das Leben machen Sinn ohne ein sinnvolles „Danach“. All das Unvollkommene, die Schmerzen, Tod, Krankheit, Abschied – all das kann nur dann Sinn machen, wenn es in einer höheren Wirklichkeit, im Heil, im Leben, im Wiedersehen, eine Vollendung findet. Und das ist der Grund, warum wir Allerseelen und Allerheiligen feiern können: Weil unsere Gemeinschaft mit denen, die wir lieben, über den Tod hinausreicht und bei Gott Vollendung findet.

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