Das Schwerste an den Kartagen ist die scheinbare Abwesenheit Gottes. Die Menschen, die Jesus zu seinen Lebzeiten nachgefolgt sind, mussten mit dem Tod desjenigen zurecht kommen, auf den sie ihr Leben, ihre Hoffnung und ihr Vertrauen gesetzt hatten. Spiegelbildlich dazu wird am Abend des Gründonnerstags das Allerheiligste aus den Kirchräumen gebracht: Sei es, dass die Hostien verbraucht werden, oder das Allerheiligste in einen Nebenraum gestellt wird. Der Tabernakel, der nach katholischem Glauben die Präsenz Gottes greifbar in den Hostien aufbewahrt, er steht leer – und jeder, der die Kirche betritt, wird in den Kartagen mit dieser Leere konfrontiert.
Am Karfreitag wird dem Leiden Jesu gedacht, am Karsamstag herrscht schließlich die Grabesruhe – in all diesen Tagen schweigen Orgel und Kirchenglocken.
Vor fast 2000 Jahren, als Jesus starb, begann am gleichen Abend der Sabbat. Dieser Tag verpflichtete zur Einhaltung der Ruhe des Feiertags, es waren keine Arbeiten erlaubt, und so konnten die Frauen, die den Leichnam Jesu einsalben wollten, erst am darauffolgenden Tag in aller Frühe zum Grab gehen.
Auch heute werden in den Morgenstunden Gottesdienste der Osternacht gefeiert. Wie die Frauen am Grab der Überlieferung nach einem Engel begegneten, oder wie Maria Magdalena sogar dem auferstandenen Christus selbst, so beginnen in der Morgendämmerung die Gesänge in der Kirche, die erst nach und nach mit Lichtern erfüllt wird. Es ist ein geradezu mystischer Moment.
Wir wissen nicht, wann Jesus genau auferstanden ist. Wir wissen nicht, zu welcher Stunde, in welcher Minute dieses Geheimnis stattgefunden hat. Aber wir kennen die Konsequenzen: Zahlreiche Menschen, die eine solche Wende in ihrem Leben durch Jesus erfahren haben, dass sie alles in Kauf nahmen, um der Welt davon zu erzählen. Die ihr Leben radikal auf den Kopf stellten, die ihre Wurzeln, ihre traditionell geprägten Überzeugungen über den Haufen warfen, weil sie etwas erlebt hatten, das all das wert war: Bis hin zum Erleiden von Qualen und der eigenen Hinrichtung um ihres Glaubens willen, um einer Wahrheit willen, die sie vor ihrem Gewissen nicht verleugnen konnten, die für sie wichtiger geworden war als der eigene Komfort, sogar als das eigene Leben.
Der Ausbreitung dieses Glaubens verdanken wir eine Kultur, die den Menschen als Individuum wert schätzt, die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht als gleich würdig begreift, die auch einem Gegner einen würdevollen Umgang gewehrt, die Andersgläubige toleriert und caritatives Handeln zum Standard einer mitmenschlichen Gesellschaft gemacht hat. All dies sind keine Selbstverständlichkeiten, die als rein säkulare Phänomene begriffen werden könnten. Es gibt eine Ursache für die vielen positiven Wirkungen, von denen wir Generationen später noch profitieren, und die, aus einer christlichen Motivation heraus, Jahrhunderte und Jahrtausende vor uns ihren Ursprung nahmen.
Aus einer Grabesruhe heraus ist etwas Großes entstanden. Am tiefsten Punkt, im Moment des absoluten Vertrauensverlustes, der absoluten Hoffnungslosigkeit und der rationalen Einsicht, dass nun alles umsonst gewesen und vorbei sein musste, ist eine sehr lebendige Folge gewachsen, die nun auch noch zweitausend Jahre später ihre Kreise und Folgen nach sich zieht.
Wenn wir dies am Beispiel Jesu beobachten können – ist es nicht Grund genug, auch unsere eigene, persönliche „Grabesruhe“ Gott anzuvertrauen: Unsere eigenen Verluste, unsere eigenen, vielfältigen Enden, alle Situationen, die ausweglose erscheinen und uns mit Trauer und Hoffnungslosigkeit zurücklassen?
In der Grabesruhe, im unausweichlichen Anhalten, im scheinbar totalen Stillstand des Lebens liegt das Geheimnis der schöpferischen Macht Gottes.
Gott diese Grabesruhe hinzuhalten und auf eine Auferstehung vertrauen zu dürfen – das ist die frohe Botschaft des Christ-Seins.
Christiane Kuropka
