Wort zum Juli: Barmherzig sein – zu sich selbst

Pressedatum: 
01.07.2020

Barmherzigkeit, das ist die Bereitschaft, in das Chaos des anderen einzutreten – so der Theologe und Jesuit James Keenan. Es gibt verschiedene Arten, Barmherzigkeit zu üben: Als Christen ist es unsere Aufgabe, an niemandem, der leidet, achtlos vorüberzugehen. Wir haben zum Vorbild den barmherzigen Samariter aus dem Gleichnis Jesu: Als alle hohen Würdenträger an einem zusammengeschlagenen und ausgeraubten Mann vorübergehen, nimmt er, der keinerlei gesellschaftliche Achtung erfährt, sich ein Herz, und sorgt für den Leidenden. Er tut es, ohne sich selbst dabei aufzugeben: Er bringt ihn an einen sicheren Ort, ein Gasthaus, lässt Geld für Essen und Pflege zurück und geht wieder seiner Wege. Er handelt, ohne dabei seine eigenen Ziele zu vernachlässigen, zugleich schafft er eine Rückversicherung: Wenn das Geld nicht reichen sollte, wird er auf seinem Rückweg alle weiteren Kosten begleichen. Er lebt Barmherzigkeit, er tritt in das Chaos des Leidenden ein, bleibt jedoch nicht in ihm verhaftet. Er achtet auf sich selbst. Dies ist eine Dimension des Gleichnisses, die oft vernachlässigt wird, frei nach dem Motto: Nur, wer sich selbst für andere aufgibt, ist ein guter Christ. Nur, wer zahllose unsichtbare Überstunden macht, ein guter Angestellter. Nur, wer bei jedem noch so sinnfreien Event einen Kuchen beisteuern kann, eine gute Mutter. Nur, wer jeden noch so unerträglichen Verwandtschaftsbesuch erträgt, an sich ein guter Mensch. Im Klartext heißt das: Wer sich fügt, ist ein guter Christ. Aber ist das tatsächlich die Aussage des Evangeliums? Jesus hat uns mit dem Gleichnis nicht nur gezeigt, dass wir Barmherzigkeit üben sollen, sondern auch wie: Nämlich immer mit dem Blick darauf, was wir eigentlich leisten können. Wie es uns geht. Wie wir in all den notwendigen und guten Aufgaben uns selbst treu bleiben können. Nutzen wir also die freie Zeit des Sommers, um genau das zu üben: Barmherzig zu sein, in unser eigenes Chaos einzutreten und zu fragen, wo wir stehen: Denn nur, wer sich selbst gegenüber barmherzig sein kann, kann sich anderen in Freiheit schenken, ohne zu verlieren.

Christiane Kuropka