Wort zu Ostern

Pressedatum: 
12.04.2020

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts – es sei denn, Ihr Livestream läuft, und Sie können so Teil einer Gottesdienstgemeinschaft sein. Dabei ist das „Nicht-Sehen“ schon immer ein österliches Grundproblem. Das Grab ist leer. Hat man den Leichnam gestohlen? Ist er auferweckt worden oder selbst davongegangen? War der Verstorbene am Ende gar nicht ‚richtig‘ tot? Die Gerüchteküche kocht seit plus minus sage und schreibe 1.987 Jahren, das letzte Mal im Buch eines Historikers.

Im Grunde also ist diese Frage, aufgekocht oder nicht, längst kalter Kaffee, denn die Leere ist schon immer ein Grundproblem eines jeden Glaubens und immer wieder Anlass zu Diskussionen. Warum glaubst Du eigentlich, wenn Du gar nichts siehst? Woher weißt Du, dass es richtig ist, was Du glaubst? Oder auch die Frage des gläubigen Menschen an Gott selbst: „Warum verbirgst Du Dich vor uns? Warum sehen wir, und sehen doch zugleich nichts?“

Das Schöne am Christentum ist, dass wir in Jesus einem pragmatischen Gott begegnen. Er weiß, dass wir Menschen gerne sehen und anfassen wollen, und so schenkte er uns mit der Feier des letzten Abendmahles in Brot und Wein eine Präsenz, die wir anfassen, mitnehmen, aufessen, miteinander teilen können. Nur jetzt ist Corona. Und Corona hindert uns nicht nur an Urlaubsfahrten, Geburtstagsfeiern oder an unserer Arbeit, sondern auch am Gottesdienst, an der gemeinsamen „Feier der Osterfreude.“

Das bedeutet für uns: „Back to the roots.“ Wieder an den Grund der Sache selbst gehen. Christlicher Glaube bedeutet, an eine positive Wirklichkeit zu glauben, die das Materielle, das eigentlich Sichtbare, im Unsichtbaren übersteigt. So wie die Liebe zwischen zwei Menschen in ihrem Umgang sichtbar und erwiesen wird, nicht jedoch als ein tatsächlicher Gegenstand zu sehen oder anzufassen ist, so ist es auch mit unserer Beziehung zu dieser höheren Wirklichkeit, und der Feier als Ausdruck unserer Zuneigung zu diesem Höchsten, zu einem gütigen und liebenden Gott und seinem Auftrag, dass auch wir einander lieben sollen. In unserem gemeinsamen Beten und Singen über die sichtbare Distanz hinweg, in unserem Aneinander-Denken und Mitfühlen, dem auf Entfernung Füreinander-Dasein, erweist sich unser Christsein in der heutigen Zeit deshalb als eine besondere Ernstnahme unseres Glaubens. 

Christiane Kuropka