Wort zu Weihnachten

Pressedatum: 
24.12.2019

 

Da ist sie nun, die stille, heilige Nacht. Im Lichte eines überdimensionalen Sterns liegt er da, der heimelige, warme Stall von Bethlehem. Grade frisch auf die Welt gekommen, lächelt ein Baby uns entgegen, angebetet von seiner in prächtige Gewänder gehüllten Mutter, die, kurz nach der Entbindung, vor ihm niederkniet. Ein Idyll, eine Verklärung der Weihnachtsgeschichte nach Lukas, das so in unzähligen Krippendarstellungen, Gemälden und Kinderbüchern immer wieder transportiert wird, um all das Paradiesische zu symbolisieren, das uns die Menschwerdung Gottes auf Erden bedeuten soll. Dabei ist Weihnachten – liest man Lukas einmal ganz bodenständig – schon immer auch und zunächst einmal Krise.

Es beginnt damit, dass Josef mit seiner hochschwangeren Verlobten Maria nach Bethlehem zieht. Die Beziehung ist nicht einfach: Josef weiß, dass das Herz seiner Verlobten in erster Linie Gott gehört, und er seine Vorstellungen eines erfüllten, alltäglichen Familienlebens ad acta legen kann. Er muss der Aussage eines Engels trauen, entgegen allen Zweifeln, Widersprüchen und Anfechtungen. Der Staat führt in das Dilemma einer längeren Reise, die Bürokratie des Steuerapparates ist schon vor 2000 Jahren eine Herausforderung für den gemeinen Bürger. Mutterseelenallein sind sie nun unterwegs, offenbar ohne die Begleitung von Freundinnen oder Verwandten, die Maria bei der nahenden Geburt hätten begleiten können. Im Grunde kann dies nur eines heißen: Weihnachten hat nicht im Schoße einer trauten Großfamilie begonnen, zwischen Großeltern, Onkeln und Tanten, die ihren jüngsten Spross mit Enthusiasmus willkommen geheißen hätte. Nein, zwischen den Zeilen der Weihnachtsgeschichte riecht es geradezu nach Ärger. Und damit nicht genug, endlich in Bethlehem angekommen, ist keine Herberge mehr frei, nicht mal oder erst recht nicht für eine hochschwangere junge Frau. Die Lage ist desolat und führt schließlich in den Stall von Bethlehem, zwischen Ochs und Esel. Wer einen Stall von innen gesehen hat, weiß, dass dies nicht unbedingt der reinlichste Ort auf Erden ist. Wer dort ein Kind zur Welt bringen muss, ist arm dran, wirklich arm. Und die Schmerzen einer Geburt: alles andere als romantisch.

Das, in Kürze gesagt, ist irdisch betrachtet die Ausgangslage der Weihnachtsgeschichte. Und jetzt? Die lächelnden Babys und knienden Marienstatuen aus den Wohnzimmerkrippen heben und durch Realismus ersetzen?  Nein, wozu? Sie sind Symbol für das erstaunliche Wunder, das Weihnachten bedeutet: Dass Gott sich uns zuneigt, und hingebungsvoll die Nähe zu uns Menschen sucht, uns seine Zuwendung schenken will. Grade dort, wo es Ärger gibt, wo Zweifel herrschen, wo es schwierig wird, Ansprüche drücken, Einsamkeit und Verlassenheit verzweifeln lassen. Grade dort, wo irdisch betrachtet die größten Verneinungen gegen die Menschlichkeit herrschen, spricht Gott sein größtes „Ja“!

Die Konsequenz: Wer nun also das Glück hat, in vertrauensvoller Runde mit Familie oder Freunden das Weihnachtsfest feiern zu können, sollte dieses Stückchen Paradies hüten und umsorgen wie ein wertvolles Geschenk. Lassen Sie diesen Schatz nicht scheitern – nicht an Diskussionen um Erwartungen, das Essen, Geschenke, termingerechte Besuche, und so weiter und sofort…  Was bedeutet eine tote Gans schon im Angesicht des Paradieses? Oder eine Schüssel verkochter Kartoffeln? Und wer an diesem Festtag eine erdrückende irdische Wirklichkeit spüren muss: Einsamkeit, Verlassenheit, gestörte Beziehungen, Ärger um lang Unausgesprochenes, Unverständnis anderer gegenüber eigenen Entscheidungen, der Partnerwahl, dem Beruf – vergessen Sie nie: Genau dort, wo es richtig schwierig war, hat Weihnachten begonnen. In der Krise dürfen wir deshalb vertrauensvoll um das Heil Gottes bitten: Er kennt sich mit Ärger aus – die Krise, so scheint es, ist der bevorzugte Ort seiner Anwesenheit und der Startpunkt seines heilvollen Handelns im Hier und Jetzt.

Christiane Kuropka