Wort zum Oktober

Pressedatum: 
10.10.2019

Die Kirchen sind leer und in den Sakristeien werden Wetten abgeschlossen: Wie viele Gottesdienstbesucher werden es heute sein? Dreißig? Dreizehn? Oder nur drei?

Die Klage ist fast so alt wie die Kirche selbst: Schon Augustinus kritisierte, dass die Menschen lieber ins Stadion gingen als in die Kirche. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges hofften Theologen, durch die Erfahrung des Krieges würden die vielen Kirchenfernen die Notwendigkeit des Christentums endlich erkennen. Was z.T. tatsächlich geschah, hinterließ einen schalen Nachgeschmack: Spätestens nach dem Krieg erkannte man die Sinnlosigkeit der Gewalt.

Und heute? Die Kirchen sind leer. Eigentlich ein gutes Zeichen: Kein Krieg, keine Hungersnot, kein allgemeines Kindersterben, keine Seuchen - der Drang, Gott sein Leid klagen zu müssen, es zum Himmel zu schreien, ist nicht so groß wie in Katastrophenzeiten. Gott sei Dank!

Und nun? Die Nachfrage wird geringer, Gottesdienste gestrichen, Seelsorger klagen über die „Servicekirche“, die nur zu Hochzeiten und bei Todesfällen angefragt werde, über die „Osterhasen“ und „Weihnachtsmänner“, die die Kirche nur zu Hochfesten aufsuchen. Aber mal ehrlich: Sollten wir nicht zufrieden sein? Ist nicht eine leere Kirche in einem friedlichen Land ein besseres Zeichen als eine volle in einer Umgebung voller Gewalt und Bedrohung? Kann man in Friedenszeiten nicht vom Reich Gottes sprechen, das jetzt schon begonnen hat?

Eines bleibt schließlich konstant, nämlich die Kernaufgabe der Kirche, einen Schatz zu hüten: die Beziehung zwischen Gott und den Menschen lebendig zu halten, auch stellvertretend für die, die es gerade nicht tun. Die Tür aufzuhalten, durch die jeder Mensch hindurchgehen kann, der nach einem „Mehr“ im Leben sucht oder Dinge erlebt, auf die diese Welt keine Antwort oder Perspektive geben kann. Dieser „Service“ ist Teil des göttlichen Auftrags. Und hier ist in erster Linie nicht Quantität, sondern Qualität gefragt: Leben wir unsere Liturgie, oder ist sie längst zu einem leeren, automatisierten Ablauf verkommen? Werden wir als Gemeinschaft der Gläubigen der Vielfalt der geistlichen Bedürfnisse der Menschen gerecht, egal ob nur drei oder dreihundert dieses Bedürfnis teilen? Diese Frage auszuhalten erfordert Stärke und Toleranz – die Antwort darauf könnte uns allen viel Arbeit bescheren.

(Text/Foto: Christiane Kuropka)