Wort zum September

Pressedatum: 
01.09.2019

Der Herbst beginnt. Es wird kälter, die Blätter an den Bäumen verlieren ihr sattes Grün und gehen über in leuchtende Rot- und Gelbtöne. Spinnennetze hängen im Morgennebel wie silbernes Haar. Der Rückgang des Lebendigen in der Natur hat den Herbst zu einer Metapher für das Altern werden lassen: Der Abend des Lebens, der Rückgang der Kraft, die äußerlichen Veränderungen des Körpers. Man ist so alt wie man sich fühlt – ein Blick in den Ausweis beweist das Gegenteil: Man ist so alt, wie man ist, keinen Tag mehr, keinen weniger. Daran ändert auch der hippe Schal nichts, den man sich kaschierend umlegt, noch ein schnelles Auto, und, wenn man die Bilder vom Wiener Opernball sieht, auch kein jüngerer Partner: Nichts lässt einen alten Mann so alt wirken wie eine junge Frau an seiner Seite. Eines steht fest: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“.

Was der Schauspieler Joachim Fuchsberger damit sagen will, ist klar: Altwerden ist vor allem, jenseits aller Gebrechen, eine Frage der Haltung. Man kann von ergrautem Haar sprechen, oder, so wie es die Franzosen tun, von ‚Salz und Pfeffer‘ (poivre et sel). Dies ist nicht nur eine freundlichere Beschreibung für eine körperliche Veränderung, sondern sie erinnert auch daran, worauf es eigentlich ankommt: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6, 63) spricht Jesus im Johannesevangelium. Christsein ist keine Frage des Alters, ebenso wenig die Offenheit für Gottes lebendig machenden Geist und die eigene Bereitschaft, jeden Tag neu zu beginnen, vergessene Träume doch noch umzusetzen, neue zu entdecken oder alte Gewohnheiten gegen befreiendes, neues Handeln einzutauschen. Man ist nicht so alt, wie man sich fühlt – aber man ist so lebendig, wie man es im Rahmen seiner Möglichkeiten zulässt und sein Leben gestaltet. Dabei wird es immer wichtiger, nicht feige zu sein, nicht zu verdrängen, zu kompensieren oder zu verleugnen: Sondern sich und das eigene Leben, alles, was einem begegnet, im positivsten Sinne ernster zu nehmen als je zuvor. Die Lebenszeit ist begrenzt – und viel zu wertvoll für falsche Rücksichtnahmen oder Selbsttäuschung.

(Text/Bild: Christiane Kuropka)