Wort zum Juni

Pressedatum: 
01.06.2019

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder“. (Apg 2, 1–3)

Nicht Feuerzungen sondern Quadrate aus Plexiglas hängen über den Köpfen der Gottesdienstbesucher der Kirche St. Bonifatius in Berlin. Die Macher der citypastoralen Projekte SilentMOD (Köln) und Vitamorphose (Münster) haben erneut Kunst entstehen lassen, um auf diese Art Glauben erfahrbar zu machen.

Niemand erwartet wohl heute, dass ihm mit einem Mal eine Feuerzunge über dem Kopf flackert oder ein metaphysischer Wind durch die Wohnung fährt. Aus Sicht eines gläubigen Christen ändert dies zwar nichts an der Wirkung des Heiligen Geistes im Hier und Jetzt der Welt,  aber was ist, wenn man Gott einfach nicht spürt? Man kann Gott als eine philosophische Grundannahme denken, oder auch einen anerzogenen Glauben übernehmen und diesen als Fundament einer gesellschaftlichen Moral für gut befinden. Jemandem, der wirklich nach Gott fragt, kann das aber nicht genügen, denn Denken allein ist oft nicht Grund genug für den Glauben. Die eigentliche Gottesbegegnung des einzelnen Menschen ist dadurch nicht zu ersetzen.

Doch wie kann man Gott spüren? Man kann ihn schließlich nicht zwingen, sich doch bitte endlich zu offenbaren, gefälligst jetzt, frei nach dem Motto: Herr schenk mir Geduld, aber sofort! Hilft es vielleicht, sich mit Weihrauch zu benebeln oder alternativ Pflanzen von Tabak bis Cannabis zu rauchen? Muss ich nur lange genug meditieren, in die Natur gehen, mich irgendwelchen Seelenführern anschließen, die mehr oder andere Erfahrungen gemacht haben als ich? Eine lange Reise machen? Nein. All das muss man nicht, und gerade den Selbstverlust an Drogen oder Seelen(ver)führer sollte man tunlichst gar nicht erst ausprobieren, will man sich selbst nicht extrem schaden. Aber eines kann man versuchen: Gott im eigenen Leben Raum schaffen. Eine Tür zur eignen Seele selbst öffnen, indem man zur Ruhe kommt. Und nein, auch hier meint Ruhe nicht, die Füße bei einer Aromakerze hochzulegen, das wäre die Ruhe für sich selbst, die natürlich auch wichtig ist. Die Ruhe für Gott ist im besten Fall auch nur für IHN reserviert, z.B. einfach konkrete zehn Minuten am Tag: sich hinsetzten und auf Gott warten. Solche zehn Minuten können unendlich lang sein. Der Blick fliegt zur Uhr und wieder zurück, vielleicht auf eine Kerze, die man angezündet hat oder auf ein Kreuz an der Wand – welchen besonderen Ort man sich auch immer ausgesucht hat, um zu warten. Bei diesem Warten kann man ein inneres Gespräch mit Gott beginnen – oder einfach vor ihm schweigen. Und mit einem Mal füllen sich diese zehn Minuten mit etwas, was einen selbst übersteigt. Dann werden zehn Minuten nicht mehr endlose Warterei, sondern zu erfüllten Stunden. Und das einzige, was man als Mensch dabei tun kann, ist, Gott diese Tür zum eigenen Leben aufzuhalten. Die Begegnung schafft ER allein.

(Text: Christiane Kuropka/ Bild: Markus Kortewille)